Malerei – der Prozess

Ölfarbe und Leinwand sind für mich das Nonplusultra. Meine Liebe zur Ölfarbe wuchs nicht über Nacht. Das Material ist sperrig, verlangt Geduld und Kenntnis.

Ich beginne mit einer vagen Vorstellung. Sobald das erste Zeichen gesetzt ist, kommt es zu einem Hin und Her zwischen mir und der Leinwand.

So entwickelt sich ein Bild durch Fragen und Antworten, Vorschlägen und Verwerfungen. Oft braucht es Pausen, manchmal steht ein angefangenes Bild wochenlang im Raum. Ich male meistens an drei oder vier Bildern gleichzeitig. Das gibt Gelegenheit abzuwarten, zu vergleichen, Ideen zu übernehmen oder zu ändern. Es gibt auch einen rein technischen Grund für die Pausen: Ölfarbe trocknet langsam. Man kann nicht sofort alles übermalen. Ölfarbe lehrt Geduld.

Es gibt keine Garantien, der Prozess ist offen. Jeder neue Schritt kann ein Bild entscheidend verbessern – oder zerstören.

Der Vorgang erinnert an Jazz und Improvisation. Grundlage sind die musikalischen Regeln, aber das Besondere entsteht mit dem Wagnis, die bekannten Wege zu verlassen. Mit dem Kopf in den Wolken, dabei mit den Beinen fest auf dem Boden. Das Ziel ist Freiheit von Form und Tradition, das Ausreizen der Möglichkeiten, ohne sich zu verlieren. Kontrollierter Zufall, ständige Balance zwischen Zuviel und Zuwenig.

Alles Sinnliche findet Eingang in den Prozess, den ich nicht bewusst kontrolliere. Ich kann nur das Tier füttern und hoffen, dass es arbeitet, verdaut und daraus Energie und Inspiration schöpft.

Zuweilen ist das ein recht anstrengender Akt. Die Leinwand scheint sich zu wehren und ich muss sanfte Gewalt anwenden, um ihr meinen Willen aufzuzwingen. An anderen Tagen scheint alles mühelos zu gelingen.

Der Vorgang zwischen mir und der Leinwand, der eigentlich ein Vorgang zwischen mir und mir ist, ist der eigentliche Grund, warum ich male.



2017 / Oil on Canvas / No 39 / 90 x 120 cm

© 2017 August Felix Heid. All rights reserved.